Lesetipps

 Buchtipp von Dr. Helmut Schaaf für den Förderverein Christine-Brückner-Bücherei

 

"Fast hell": Wende-Erzählung von Alexander Osang | NDR.de ...

 Alexander Osang
„Fast hell“
Aufbau Verlag, Berlin 2021,
237 Seiten, 22 Euro

Warum wurde nach dem Mauerfall 1989 eigentlich nur von den Ostdeutschen erwartet, sich westlichen Gepflogenheiten und Strukturen anzupassen und warum ist dieser Prozess – bis auf die Ampelmännchen - so gut wie nie in die andere Richtung verlaufen? Man könnte es ganz einfach beantworten mit: So sind eben die Machtverhältnisse. Das eine Wirtschaftssystem siegt über das andere und bringt damit auch seine Regeln mit. Dann wäre das Buch von Alexander Osang, einem der spannendsten ostdeutsch aufgewachsenen Autoren, aber kein Roman geworden. Das ist er aber, und darin spielen er und ein „Uwe“ aus Ostberlin die Hauptrollen.

Alexander Osang fühlt sich in dem neuen Deutschland wie in einem „30 Jahre währenden Resozialisierungsprogramm.“ und schreibt: „Meine Fremdheit hat weniger mit meiner Zeit im Osten zu tun als mit der Zeit danach“.  „Uwe“ zieht seit Jahrzehnten heimatlos durch die Welt, weil ihm sein Land mit der DDR abhandengekommen ist. Diesen „Uwe“ und dessen verbitterte Mutter nimmt Osang als Kontrapunkt mit auf eine Schiffsreise von Helsinki nach Sankt Petersburg und zurück. Reisen und reden und darüber schreiben – das ist der Plan. Dabei sind zumindest die weißen Nächte über der Ostsee „fast hell“, aber trügerisch, so wie das Bild der Nachwendejahre. Uwe, der Berliner, der ein Haus in New York besitzt, in Russland studiert, in China und in Hongkong gelebt hat und dessen ostdeutsche Familie nach rechts abrutscht, bildet die Folie, auf der sich Osang spiegelt. In einer klugen Mischung aus Lakonie und Ironie schildert er seinen Aufbruch, seine Krisen, die Frauen, die Kinder, seine Jobs, die Zeiten des Umbruchs und wie sich das Leben in der Erinnerung zu einer Erzählung verdichtet, bei der die Wahrheit vielleicht die geringste Rolle spielt. In der Gegenüberstellung spiegelt Osang die Gefühle so vieler Ostdeutscher wider, so etwa das Getrieben Sein, ohne zu wissen, wohin, die Suche nach einer besseren Welt hinter der Mauer, das Gefühl, etwas nachholen zu müssen, oder froh zu sein, etwas hinter sich zu haben, und es gleichzeitig zu vermissen.

Das alles liest sich ungemein flüssig. Wer nicht das erste Buch von Osang in die Hand nimmt, wird darin den „Ich-empirischen Osang-Sound“ wiedererkennen, den der 1962 in Berlin geborene Journalist und Autor in drei Jahrzehnten perfektioniert hat. Im „Hallo“ besprochen wurde z.B. die „wundersame Fragen der Leitkultur: Darf man um seine Katze trauern, wenn Deutschland gerade Weltmeister wird? Osang hat die Gabe, die Linien zu verweben und seine Figuren leuchten zu lassen -  auch sich selbst. Vergleichbar dem Kreuzfahrtschiff, auf dem sie reisen, steuert die Uwe/Alexander-Story auf ein wuchtiges Finale zu.

Von zerbrochenen Illusionen


Amy Waldman: 

Das ferne Feuer. Roman.

Verlag Schöffling 2021. 496 S., geb., 26.– €

In ihrer Neujahrspredigt zum 1. Januar 2010 hatte die evangelische Bischöfin Margot Käßmann gesagt: „Nichts ist gut in Afghanistan“ und damit ausgedrückt, dass der reflexhafte Einsatz militärischer Mittel niemand wirklich nutzt und man „mit Waffen keinen Frieden schaffen kann“. Vielleicht aber, so scheint es der Studentin der medizinischen Anthropologie Parvin Schams, geht aber doch etwas, speziell für die Frauen in dem von den Taliban beherrschten Land. Sie hat von dem humanitären Engagement eines amerikanischen Arztes gelesen und ist so begeistert, dass sie für seine Stiftung vor Ort arbeiten will. Dabei möchte sie auch das Land erkunden, aus dem ihre Eltern geflohen sind. Ihre Mutter ist, als die Geschichte einsetzt, unlängst verstorben und der Vater wenig angetan, als ihm seine Tochter eröffnet, sie wolle für mehrere Monate nach Afghanistan reisen, um den Fortschritt in der Bekämpfung der Müttersterblichkeit zu dokumentieren. Dort angekommen sieht sie sich zurückgeworfen auf einfachste Lebensverhältnisse, was sie zunächst als Wiederentdeckung der „Kraft ihrer fünf Sinne und der Stille“ sowie der Abwesenheit von „Berieselung mit Neuigkeiten aus dem Leben anderer“, Multitasking und Internet empfindet. Stattdessen taucht die unverschleierte Kalifornierin in den zehrenden Alltag der Muslimas ein. Es kommt zu Eifersüchteleien und Streitereien, aber auch zu Zuneigung und Fürsorge. Je mehr sie dabei erfährt, desto klarer wird, dass so ziemlich alles, was sie von dem Projekt gelesen hat, falsch bis frei erfunden ist. Die Klinik, ein strahlend weißer Bau am Ortsrand steht leer, einmal die Woche nimmt eine Ärztin aus der nächsten Stadt den beschwerlichen mehrstündigen Weg in die Berge auf sich, um Visite anzubieten – männliche Ärzte aufzusuchen ist den Frauen verboten. Als dann auch noch amerikanische Soldaten auftauchen und verkünden, der Präsident der Vereinigten Staaten habe beschlossen, aus der beinahe unpassierbaren Schotterpiste eine Straße zu machen, erlebt Parvin den Zusammenprall zweier Welten hautnah. Der Straßenbau wird Ziel von Sabotageakten, und je länger sich die Geschichte hinzieht, desto klarer wird Parvin, dass sie ein störendes Element in der Dorfgemeinschaft ist.

Nach ihrem Romandebüt „Der amerikanische Architekt“, in dem Waldmann durchspielte, gegen welchen Generalverdacht Muslime in Amerika nach dem 11. September 2001 zu kämpfen hatten, widmet sie sich in diesem Roman abermals den Folgen jenes Terroranschlags. Mitreißend geschrieben, mit klarem Blick, und ohne dabei zynisch zu werden, erzählt Waldman von persönlicher Motivation, naiver Gutgläubigkeit und moralischer Verwirrung – und den Konsequenzen für die davon Betroffenen. Dabei legt sie beharrlich Schicht um Schicht kulturelle Prägungen frei, und lotet aus, welche Folgen es haben kann, wenn von außen mit aller Gewalt gesellschaftliche Verhältnisse gebrochen werden sollen.

Dr. H. Schaaf

Buchtipp von Dr. Helmut Schaaf

Christoph Peters

Dorfroman

Luchterhand Verlag,

München 2020, 416 Seiten, 22,- €.

Dieser Roman hat alles, was eine gute Geschichte braucht: Herz, Schmerz, Illusionen, Schmetterlinge und Menschen im Kampf um eine bessere Zukunft. Das Dorf, um das es geht, liegt am Niederrhein, umgeben von viel Land mit viel Platz am nahen Rhein – ideal für einen „schnellen Brüter“.

Zu jenem Zeitpunkt, an dem der Roman einsetzt, befindet sich das Dorf als Brennpunkt gesellschaftlicher Konflikte und Veränderungen im Übergang vom Verharren dörflicher Strukturen, in denen Macht- und Besitzverhältnisse klar aufgeteilt sind, und der Hoffnung auf eine Modernisierung der Lebensverhältnisse. Diese sollten mit dem Bau eines „schnellen Brüters“ kommen, das aber spaltete buchstäblich die Republik und auch das Dorf selbst, zerstörte Freundschaften und Geschäftsbeziehungen.

Der Roman eröffnet mit einer Heimkehr: Ein Mann fährt „nach Hause“ das Dorf, in dem er aufgewachsen ist und in dem seine mittlerweile über 80-jährigen Eltern noch leben. Er betrachtet die Landschaft, registriert die verfallenen Industriehallen, die neu gebauten Umgehungsstraßen und den bunt angemalten Kühlturm des Schnellen Brüters, der bereits vor Jahren in einen Freizeitpark umgewandelt wurde. Wie eine Folie legt sich die Erinnerung auf die Gegenwart.

Eine andere Erzählebene spielt im Grundschulalter des Erzählers, in dem dieser alles, was um ihn herum geschieht, genau beobachtet, doch nahezu unhinterfragt wiedergibt.

Das Land, auf dem der Schnelle Brüter gebaut werden soll, gehört zu großen Teilen der Kirche. Der Vater plädiert als Mitglied des Kirchenvorstandes für den Verkauf. Mit Sinn für Komik schildert Peters die Zerwürfnisse und Frontlinien, die im Dorf verlaufen: Wer spricht mit wem? Wer geht in welche Kneipe? Wessen Kinder pflegen Freundschaften?

Die nächste Erzählebene, rund zehn Jahre später angesiedelt, ist die Geschichte einer Emanzipation: Der pubertierende, fünfzehnjährige Ich-Erzähler, ein schlauer, schweigsamer, in seine Herkunft eingesponnener Junge, der Schmetterlinge fängt und katalogisiert, begegnet eines Tages der sieben Jahre älteren Juliane. Sie hat sich der Protestbewegung gegen das Atomkraftwerk angeschlossen und lebt in der Scheunenkommune auf dem Gelände des legendären Bauern und Protestanführers Maas. Juliane ist es, die in Peters" Protagonisten endgültig einen Bewusstseinswandel auslöst, zum Leidwesen seiner Eltern.

Auf jeder dieser Erzählebenen zeigt sich die schriftstellerische Fertigkeit dieses Autors: So schwärmerisch und zugleich genau, so pathetisch angehaucht und doch völlig unpeinlich kann er über das Erwachen, die Nöte, die Zweifel und die erfüllten Augenblicke einer ersten jugendlichen Liebe schreiben.

Der Schnelle Brüter wurde nach seiner Fertigstellung nie in Betrieb genommen. Der Preis, den das Dorf für seinen Glauben an die Heilsversprechen der Atomenergie gezahlt hat, ist hoch und bleibt auch an dem Ich-Erzähler hängen. So bleibt ihm die Frage, welche Verantwortung man trägt und ob man dazu berechtigt und vor allem fähig ist, sich von ihr zu lösen. Wie Christoph Peters auch existenziellen Fragen an die Welt in diesem Roman von höchster Unterhaltsamkeit anbietet, macht das Lesen zu einem nachhaltigen Vergnügen.

Wolfgang Büscher                    

Heimkehr

Rowohlt Berlin; 202 S. ISBN-10: 3737100896

Wolfgang Büscher kam 1951 im Stadtkrankenhaus von Arolsen zur Welt, wuchs in Volksmarsen auf, studierte Politikwissenschaft und brach dann immer wieder in die Welt auf. Bundesweit bekannt geworden ist er durch gut recherchierte und historisch geprägte Berichte von Reisen zu Fuß von Berlin bis Moskau, mitten durch Amerika und durch und um Deutschland. Jetzt ist er „heimgekehrt“, ins Waldeck´sche, genauer gesagt in den Forst, dort, wo man „zwei Fußstunden von Arolsen entfernt“ auf den Bonifatiusweg trifft. Anders als seine Reiseberichte zu ferneren Zielen, bei denen man sich selbst trotzdem immer mitnimmt, ging er diesmal – bewusst oder nicht – auf eine Reise zu sich selbst. Dazu zog er in den Wald und richtete sich in einer Jagdhütte, die ihm der Fürst überlassen hatte, auf eine stille Zeit ohne Strom und fließendes Wasser ein. Die Zeit verging mit Holzhacken und Feuermachen, ab und zu einer Jagd, Wanderungen und einem Schützenfest sowie Begegnungen mit besonderen Menschen im Wald. Das Frühjahr, der Sommer und der Herbst wurden ungeahnt dramatisch, Sturm, Hitze und Käferplage brachten fast den halben Wald um. Dazwischen blieb viel Zeit Einkehr- und Einsamkeit und eine Schwärze der Nächte, die in Städten unbekannt ist. Die Mutter stirbt im Sommer und hinterlässt ein Haus voller Erinnerungen aus den frühen sechziger Jahren.

„Wir lagen im Krieg mit dem Förster, wir bauten uns Hütten in seinem Revier, er entdeckte sie und befahl seinen Waldarbeitern, sie einzureißen. Meist trieben wir uns im Zigeunerwäldchen herum, schon des Namens wegen.

Gern hätten wir die schaurige Geschichte gehört, die sich dort gewiss zugetragen hatte, aber es gab keine, kein Lebender konnte sich daran erinnern, wahrscheinlich hieß der Kiefernwald so, weil hier irgendwann eine fahrende Sippe gelagert hatte. Nicht vor der Dämmerung kehrten wir heim, spürten nun erst, wie hungrig wir waren, und machten uns über das Abendbrot her, das schon gewartet hatte. Fragte jemand, was wir getrieben hätten den ganzen Tag, sagten wir, nichts Besonderes.

Wir verschwendeten die Zeit, die sich an uns verschwendete, und sie gab generös. Langeweile war das Fluidum, die Nährlösung, in der wir lebten. Es dehnten sich die Tage, die Nachmittage, die Sonntage zur langen Weile, es dehnten sich die Sommer, die Winter. Wenn das Fernsehen zeigte, wie weiter südlich schon die Kirschen und Magnolien blühten, schlurfte bei uns noch der Alte über die hartgefrorenen Äcker, der Frost. Kann ich begreiflich machen, dass es kein schlechtes Leben war?

Ich ahnte, dies hier würde enden, etwas wartete am Horizont meiner stillen Welt, dort ging es schneller zu, lauter, eines Tages würde ich dort sein, und natürlich pochte das Herz, dachte ich daran.“

Nach den bundesweit viel beachteten Reiseberichten aus der weiten Welt hat W. Büscher also nun ein Waldeck-Buch geschrieben. So darf man das sehen und als Waldecker auch lesen und eigene Spuren in diesem Fleckchen Erde suchen. Es ist aber – über Waldeck (den Landkreis) hinaus auch eine „Heimkehr“, die existenzieller als erwartet ausfällt.

 

Buchtipp von Dr. Helmut Schaaf

  

Helena Adler
Die Infantin trägt den Scheitel links. Roman. 

Jung & Jung, Salzburg 2020. 188 Seiten, 20 Euro.

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen,
dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“ (Nietzsche)

Im letzten „Hallo“ galt es, den Waldeck „Heimat“ Roman von W. Büscher vorzustellen, in diesem Anti-Heimatroman wird es finster. „Wir essen schwarze Regensuppe zum Nachtmahl. Der grüne Kachelofen brütet in der Ecke, in der Stube dampft es, doch mir ist kalt.“ – so legt die Autorin los. Den nachfolgenden 20 Kapiteln stellt sie ein Motto voran, das Bezug nimmt auf Werke der Weltliteratur und hinunterführt in die Tiefe eines österreichischen Dorfes. Szenisch nimmt sie dabei Bezug auf nicht weniger finstere Gemälde bspw. von Bosch, Tizian Bruegel d. Ä. oder Francisco Goya. Überzeichnungen, Übertreibungen und die groteske Zuspitzung von Bauernhof-Klischees sind die Stilmittel. So darf die Heldin mit ihren Einsamkeits- und Fremdheitsgefühlen zwischen Stalldunst, Schweineblut und Weihrauchduft hemmungslos kokettieren. Dabei gehen Zorn und Komik eine so innige Verbindung ein, dass man das Ganze ebenso gut für eine satirische Erfindung halten könnte, wenn die Autorin nicht eine Menge von dem selbst erlebt hätte oder haben könnte.

So schildert sie die Urgroßeltern, Eltern und ihre beiden bösartigen Schwestern, versammelt bei einem von Gewittern begleiteten Abendgebet wie folgt: „… als ich mit meinen Kinderaugen wieder aufblicke, fotografiert der Blitz von draußen herein. Ein Bild mit Dämonen und Zyklopen, Vogelscheuchen, Menschenfressern und anderen gemeinen Teufeln. Das Beten wird zu einem Exorzismus, den sie an sich selbst exerzieren. Das flackernde Licht verformt ihre Gesichter und malt ihnen Falten und Runzeln aus vorgeschichtlicher Zeit auf die Stirnen. Niemals ist das meine Familie, ich bin allein auf meinem Heimatplaneten.“

Die Urgroßeltern, deren Haus und Hof alle gemeinsam bewohnen, werden als Charakterköpfe mit „verbügelten Gesichtern“ und „noch nicht ganz abgestorbene Seelen“ charakterisiert. „Sie sind bodenständig geblieben, damit wir abheben konnten, der Vater in die Esoterik, die Mutter mit den Engeln, die Schwestern mit ihren Schlittschuhen und ich mit dem Verstand.“ …  
Sie choreografieren mein Leben, sodass ich mich sicher fühle, dass es richtig ist, wie ich meinen Malzkaffee trinke, dass ich den Kindergarten verweigere oder im Deutschaufsatz unser Haus mit einem Schiff vergleiche, dessen Segel aus den alten Unterhosen des Vaters besteht. Sie bremsen mich zu völliger Ruhe und bewegen mich zum Aufruhr.“

So kommt es, dass die Infantin halb unachtsam, halb mutwillig den Hof abfackelt, was von den Eltern, auch versicherungstechnisch bedingt, mit Fassung aufgenommen wird, aber vier Jahre äußerst beengten Wohnens nach sich zieht, Flöhe und Wanzen inbegriffen. Es endet mit der Vertreibung aus dem teuflischen Paradies, einem Krieg zwischen den Eltern, Knast für den Vater, dem Verlust des wiedererbauten Hofs und dem Wunder einer ungeplanten Mutterschaft, das die Infantin „erwachsen werden lässt“. Aber den Scheitel scheint die Autorin, die 1983 „in einem Opel Kadett“ zur Welt kam und später unter anderem Malerei am Mozarteum studierte, immer noch links zu tragen.

Buchtipps von Dr. Helmut Schaaf für den Förderverein Christine-Brückner-Bücherei e.V.

Jasmin Schreibers 

Marianengraben, Roman
Eichborn Verlag, Köln 2020 ISBN, 256 S., 20,00 EUR

Paula ist in ihrer Trauer um den Tod ihres kleinen Bruders. Tim ist ertrunken, im Urlaub mit den Eltern, und nun ist Paulas Seele abgesunken an die die tiefste Stelle im Meer, im Marianengraben, ganz unten „elftausend Meter tief“, im „ewigen Ozean mit leuchtenden Quallen und blinkenden Tintenfischen.“

Ihren Trauerzustand beschreibt sie als „ganz unten in der Dunkelheit, wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff“, ihre Depression mit „Ich war ein Menschenkostüm, das Nichts enthielt“ oder „wie ein alter Rechner, der nur noch Fehlermeldungen auswarf, die aber alle keinen Inhalt hatten“ und ihren Schmerz: „Er kennt immer erst mal nur Stärke, der Auslöser ist egal. Schmerz fährt hoch, bis er einhundert Prozent hat, und dann steht man da und muss das irgendwie überleben, egal, was der Auslöser ist. Weil der Hund stirbt. Weil der Freund Schluss macht. Weil der Vater sich nicht mehr meldet. Weil der Bruder stirbt.“

Da ist viel Anrührendes, was einen schon mal das Buch zur Seite legen lässt, weil man mit Tränen in den Augen nicht gut lesen kann. Gleichzeitig hält sie uns die ersten hundertfünfzig Seiten mit originellen Metaphern, komischen Situationen und verblüffenden Analogien bei Laune. So hat sie das Gefühl, dass ihr Therapeut ihr „nur eine kleine Schöpfkelle in die Hand gibt, mit der sie das schwarze Wasser ganz unten im Marianengraben alleine auslöffeln soll.“

Aber natürlich bleibt es nicht dabei, es geht aufwärts, wenn auch zunächst ziemlich schräg auf dem Friedhof, wo eben nicht nur der kleine Bruder liegt, sondern auch die Urne eines zunächst erschreckend schrulligen „Alten“, der seiner Frau den letzten Wunsch erfüllen will. Und wir ahnen es, sie kommen zusammen, mit all der Tragik und mehr oder weniger erwartenden Überraschungen und manches klingt jetzt wie in Kalendersprüchen und manches wie aus Tagebüchern zu Jugendzeiten

Aber: Sie verstehen sich, weil niemand sie versteht, und das hilft.

Während die 20-Jährige lange nur Zwiesprache mit ihrem toten Bruder hält, hat der Endsiebziger keinen Sinn für Sentimentalitäten, auch nicht für Paulas Tierrettungsideen und Selbstmordsehnsüchte. Dafür hat er eine schwache Blase, und wird gescholten, weil er beim Gang hinter den Busch Blumen umknickt und Käfer zertritt. Außerdem trägt er eine geheimnisvolle Kiste mit sich. Und obwohl in Marianengraben viel gestorben wird – Hunde, Hühner, Brüder, Schwestern, Ehepartner, Eltern, Omas – geht es letztlich aufwärts, ins Licht, an die Wasseroberfläche, zuletzt auf einen Berg. Da könnte man die Geschichte schon „konstruiert“ nennen.

Jasmin Schreiber ist Biologin, jung und ehrenamtlich Sterbebegleiterin. Sie kennt die Bilder, die Menschen schaffen, wenn die Realität unaussprechlich scheint.. Ihr Debütroman ist wohl kein literarisches Meisterwerk, aber es gelingt gewiss, die Schönheit der Tiefsee zu beschreiben und über weite Strecken, Schweres leicht und ebenso berührend zu erzählen.

Adriana Altaras

Die jüdische Souffleuse. Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2018, 203 S. ISBN 978-3-462-05199-5,

Die auch aus dem Fernsehen bekannte Schauspielerin und freischaffende Theater- und Opernregisseurin Adriana Altaras verschlägt es für die Inszenierung der Mozart-Oper „die Entführung aus dem Serail“ in die Provinz. Schon die darauf ansetzende Schilderung der sehr „besonderen“ Welt der Oper und der daran Beteiligten ist allein lesenswert. Mit einer hinreißenden Tragikomik erzählt Altaras von den Absurditäten des Theateralltags und kommentiert die dabei auftauchender Konflikte mit viel Witz und Esprit. Doch das ist nur die Geschichte um die eigentliche Geschichte: diese ist sehr real und handelt von der vom Theater angestellten Souffleuse Sissele. Diese in Israel geborene Tochter eines Holocaust-Überlebenden ist schon lange und vergeblich auf der Suche nach Spuren ihres Vaters und ihrer Cousins, mit denen sie einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland verbrachte. Schon bei der ersten Begegnung vermittelt Sissele der Regisseurin, dass sie und nur sie ihr bei der Suche helfen kann. Dabei dachte Altaras, dass sie ihre eigene Suche, wie in „Titos Brille“ geschildert, „abgeleistet“ habe. Das dann dennoch in Gang kommende ist wieder opernreif, aber real und todernst: In einem dramatischen Beziehungs-Zick-zack kommt es soweit, dass sich beide gemeinsam auf die Suche machen. Sie fahren dafür Stationen der Vernichtung jüdischen Lebens ab, um Hinweise auf die Überlebenden zu finden. Eine wichtige Zwischenstation ist das Arolser Tracing Center, ehemals „der Suchdienst“. Hier werden tatsächlich Dokumente gefunden, die etwas über den Vater und vieles über die deutsche Vergangenheit und dem Umgang mit den Überlebenden aussagt.

Die Suchbewegungen werden immer wieder in den Fortgang der Operninszenierung eingeschoben - und damit aushaltbar gemacht. Am Ende kommt es sogar noch zu einer unverhofften Familienzusammenführung zweier „Nachgeborener“ - und die Aufführung der Oper scheint auch gelungen zu sein. Ein scheinbar leichter quirliger Roman mit einem schwierigen Thema

 

 Anna Burns

Milchmann. Roman. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll

Topen 2020.. 452 S., gebunden mit Schutzumschlag.

ISBN: 978-3-608-50468-2

 

Die 18-jährige Hauptfigur bleibt ohne Namen. Sie wird nur in ihrer Funktion etwa als „Mittelschwester“, „Vielleicht-Freundin“ oder Tochter Nummer drei angesprochen. Im „irgendeiner“ nordirischen Hauptstadt der siebziger Jahre muss sie ihrer Not- und Glaubensgemeinschaft seltsam erscheinen. Sie liest beim Gehen, auch englische Literatur, besucht einen Französisch Kurs, schaut sich mit ihrem „Vielleicht Freund“ die untergehende Sonne an und entdeckt mehr Farben als Hell und Dunkel am Himmel. Vor allem aber glaubt sie, durch eine sprachlose Insichgekehrtheit von der Gemeinschaft derer, denen seit 600 Jahren von den englischen Eroberer-Unrecht angetan wird, in Ruhe gelassen zu werden.

Dann wird sie in ihrem Stadtteil von einem hohen Paramilitär diesseits der Straße auserwählt. Er spricht sie aus seinem Lieferwagen an, scheint alle ihre Wege und Aktivitäten auch durch die verminten Gebiete zu kennen, und wartet - ohne körperlich übergriffig zu werden. Die Gemeinschaft diesseits „der Straße der Staatsmacht“ ist sich sicher, dass sie die neue Affäre von Milchmann ist, die Kameras und Informanten jenseits der Straße auch. Das führt dazu, dass sie diesseits der Straße umsonst Pommes bekommt, aber auch, dass das Leben ihres Noch- „Vielleicht Freunds“ in Gefahr ist, weil auch schon mal jemand aus anderen als politischen Gründen Opfer einer Autobombe werden kann.

Intensiv, packend und zwischen Witz und Verzweiflung führt Burns, durch ein Milieu, das im permanenten Ausnahmezustand lebt - und in der ständigen Furcht, es sich mit den Kämpfern zu verscherzen oder für sich auf ein Glück zu hoffen, das doch zerstört werden würde.

Es ist kaum vorstellbar, dass der Roman gut ausgeht oder gar ein Hoffnungsschimmer auf ein Überwinden der festgefahrenen Feindschaft möglich ist. Er geht aber besser aus, als zu befürchten war, wenn auch auf eine ebenso überraschende wie der Lage geschuldeten „besonderen“ Weise.

Besonders ist das Buch, dass von Anna-Nina Kroll wirkungsvoll ins Deutsche übertragen wurde, aber auch wegen der Allgemeingültigkeit der Geschichte. Diese hätte im Nordirland der siebziger Jahre spielen können, aber wohl auch überall dort, wo ein übermächtig erscheinender Feind eine Notgemeinschaft zusammenpfercht, auch wenn der Konflikt längst über die dritte Generation hinausgeht und ihre meist ermordeten Helden durch weniger edle Nachfolger im Machtgefüge ersetzt wurden.

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